Teamgeist mit Schaum vorm Mund - wie Stadionlogik unser Denken kolonisiert
- Ingo Webecke
- 11. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Aug.
Ein Essay über Wahrnehmung, Wirklichkeit – und die Freiheit, sich nicht einrahmen zu lassen.

Man stelle sich ein Stadion vor. Zwei Fanlager, beide in Rage, beide mit farbiger Brille: die einen rot, die anderen blau. Die Brille ist Pflicht – sie wurde mit dem Ticket ausgehändigt. Sie verleiht Sicherheit, Stolz, manchmal Schaum vorm Mund. Und sie garantiert: Die anderen sind blind.
Der Witz daran? Beide Lager sehen das Gleiche – nur durch eine andere Linse. Und beide glauben, sie hätten den Durchblick.
Die Lager brüllen. Sie posten. Sie „stehen für etwas ein“. Auf der Brille klebt ein Etikett: Moralische Überlegenheit, garantiert ungeprüft. Das gibt Haltung. Und eine Community. Wer differenziert, fliegt raus – oder wird wahlweise als Feind oder Nestbeschmutzer markiert.
In dieser Welt ist Graustufe ein Verrat, Zwischenton ein Tabubruch. Wer Nuancen kennt, ist verdächtig. Wer Kontext einfordert, wird kontextlos gemacht.
Das Erschreckende: Diese Stadionlogik hat sich tief in unsere Diskurse, Medien, Unternehmen und Alltagsgespräche hineingefressen. Sie formt Wahrnehmung. Nicht durch Argumente, sondern durch Wiederholung, Emotionalisierung und die stillschweigende Erwartung: Du bist doch einer von uns, oder?
Zwischen Teamgeist und Gesinnungskontrolle
Was als Haltung begann, endet oft als Gruppendruck. Man darf alles sagen – außer das Falsche. Was falsch ist, bestimmen die, die am lautesten rufen. Orwell hätte vermutlich Applaus einspielen lassen.
Doch wie entsteht diese Lagerbildung überhaupt?
Die Antwort liegt nicht nur in Ideologie, sondern in psychologischer Vereinfachung. Die Welt ist komplex, wir sind überfordert, und unser Gehirn liebt klare Linien. Schwarz gegen Weiß, Gut gegen Böse, wir gegen die anderen. Es ist einfacher, sich an Flaggen zu orientieren als an Argumenten.
Dazu kommt: Zugehörigkeit verkauft sich besser als Wahrheit. Wer in der Gruppe schulterklopfend zustimmt, bekommt mehr Likes als der, der differenziert widerspricht.
Aber: Diese Komfortzone hat einen Preis.
Vom Meinungs-Marktplatz zur Lagerhaltung
In einer Welt, die ständig nach Vereinfachung schreit, wird Komplexität zum Problem. Doch ohne Komplexität keine Erkenntnis. Ohne Ambivalenz keine echte Entscheidung. Und ohne Differenzierung keine Entwicklung.
Die Lagerlogik lähmt. Sie macht aus Kommunikation ein Kräftemessen, aus Denken ein Bekenntnis. Und sie ersetzt Erkenntnis durch Erregung.
Und hier schließt sich der Kreis zum Stadion. Die Massen toben – doch was gespielt wird, entscheiden andere.
„Panem et circenses“, nannte man das einmal.
Denn während das Publikum sich in Lager aufspaltet, empört, empört zurückempört und sich digital auf die Schulter klopft – spielt unten auf dem Rasen ein ganz anderes Spiel. Mit anderen Regeln, anderen Akteuren, anderen Interessen.
Wie sagte es jemand so treffend: „Wählen ist wie Brüllen in einem Fußballstadion – es verändert das Spiel nicht, aber es gibt ein gutes Gefühl.“
Das ist das Tragische an der Lagerlogik. Sie erzeugt den Eindruck von Mitgestaltung, während sie in Wahrheit ablenkt. Vom Spielfeld. Von den Spielmachern. Vom Spiel selbst.
"Divide et impera."
Wer spricht, wenn du sprichst?
Die Frage ist also nicht nur: Was ist deine Meinung? Sondern: Was ist der Frame deiner Meinung? Wer hat ihn gesetzt? Und was wäre jenseits davon denkbar?
Die gute Nachricht: Es gibt eine Tür raus aus dem Stadion. Sie trägt kein großes Banner. Nur ein schlichtes Schild: Selbst denken – betreten auf eigene Verantwortung.
Wer hindurchgeht, trifft dort vielleicht auf Watzlawick, von Foerster, Korzybski – oder auf sich selbst.
Letzterer ist übrigens der Schwierigste von allen.
Oder, wie Groucho Marx sagte:
„Ich möchte keinem Club angehören, der bereit ist, jemanden wie mich aufzunehmen.“
Wer das versteht,
ist vielleicht schon auf dem Weg zu echtem Denken.