Wirklich wahr? – Ein Reiseführer durch die Erfindung der Wirklichkeit
- Ingo Webecke

- 20. Aug. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Aug. 2025
Für alle, die lieber den Rahmen hinterfragen als sich darin zu verlieren.

Stell dir vor, du wachst eines Morgens auf, öffnest das Fenster – und siehst nicht die Welt, sondern deine Meinung darüber.
Klingt absurd? Willkommen im Alltag.
Denn was wir „Realität“ nennen, ist in Wahrheit ein erstaunlich stabiles Gerücht.
Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick nannte das freundlich „Wirklichkeitskonstruktion“.
Andere nennen es: „Ich hab’s im Fernsehen gesehen.“
Sprache ist nicht das, was sie zu sein scheint.
Alfred Korzybski, der geistige Vater der Allgemeinen Semantik, hat es auf den Punkt gebracht: „The map is not the territory.“ Die Karte ist nicht das Gelände. Und doch verhalten wir uns oft so, als wäre unser innerer Stadtplan nicht nur korrekt – sondern in einer Art offiziellem Grundbuch der Realität beglaubigt.
Oder wie Heinz von Foerster es formulierte: „Wahr ist, was funktioniert – für den, der daran glaubt.“
Wir übersehen dabei: Kommunikation ist keine transparente Scheibe in die Wirklichkeit, sondern ein Prisma. Sie filtert, sie färbt, sie formt.
Kommunikation ist Magie.
Watzlawick zeigte uns, dass wir nicht nur sprechen, um uns mitzuteilen –sondern um die Welt zu machen, in der wir leben.
Kommunikation ist kein neutraler Daten-Transfer. Sie ist ein Spiel mit Regeln, die wir selten kennen, aber ständig befolgen. Sie schafft Nähe oder Distanz, Ordnung oder Verwirrung, Krieg oder Verständigung.
Und das Verrückteste: Wir merken’s oft nicht. Denn sie läuft wie ein guter Zaubertrick – am erfolgreichsten, wenn niemand ihn bemerkt.
Realität ist das, worauf man sich geeinigt hat – mit Nachdruck.
Was „wirklich“ ist, entscheiden nicht Fakten, sondern Framing, Wiederholung und Relevanzzuweisung.
Ein Zweifel wird zur „Desinformation“. Eine Kritik zur „Delegitimation des Diskurses“. Ein Nein – zur „Radikalisierung“.
Und zack – fertig ist das neue Realitätskorsett. Nicht wahr, aber erstaunlich wirksam. Mit Worten, Geschichten, Emotionen – und einer gut geölten Medienmaschinerie.
Walter Lippmann sprach schon 1922 von den „Bildern in unseren Köpfen“, die wir für die Welt halten. Heute nennen wir das auch Google Trends.
Die sogenannte Realität ist keine Pflichtveranstaltung.
Wer sagt eigentlich, dass wir alle dieselbe Wirklichkeit erleben müssen?
Buckminster Fuller, der große Visionär in Geist und Geometrie, sprach vom Universum als einem Prozess: „The Universe is not set – it is setting.“
Realität ist nicht fertig, sie wird fortlaufend erzeugt.
Durch unsere Wahrnehmung. Unsere Geschichten. Unser Zusammenspiel.
Und wenn du das einmal verstanden hast, weißt du auch, warum Unterhaltungen manchmal wirken wie Theaterproben mit fremdem Skript:
Du erklärst, dass nach Karl Popper Wahrheit nie endgültig bewiesen werden kann, dein Gegenüber antwortet mit einem Screenshot aus der „Heute“-App.
Du sprichst über die Mechanik politischen Framings, er fragt, ob du schon einen Aluhut bestellt hast.
Und irgendwann reichst du einfach den Kartoffelsalat und spielst für den Rest des Abends den freundlichen Statisten in einem absurden Stück,
das nicht deines ist.
Die gute Nachricht: Du bist Autor.
Ja, das kann einen ins Grübeln bringen.
Aber Watzlawick wollte uns nie deprimieren. Er wollte uns ent-täuschen – im wörtlichen Sinne. Die Täuschung nehmen, um den Blick freizumachen.
Und das ist vielleicht der schönste Gedanke in all dem: Wenn Wirklichkeit eine Geschichte ist, dann ist Aufklärung das Angebot, sie mitzuschreiben!
Denn wenn du weißt, dass du Wirklichkeit mit erschaffst, dann bist du ihr nicht ausgeliefert, sondern mitgestaltend.
Dann wird Sprache zum Werkzeug, nicht zur Waffe. Dann wird Denken zur Entdeckungsreise, nicht zum Dogmenparcours.
Mit Neugier statt Abwehr. Mit Fragen statt Urteilen. Mit einem kleinen Schmunzeln über uns selbst.
Humor? Ja, der bleibt.
Denn wer Watzlawick gelesen hat, weiß: Der Konstruktivismus ist kein trockenes Theoriegebäude. Er ist ein Spiegelkabinett – mit Lachspiegel.
Er lädt uns ein, nicht nur zu denken, sondern auch zu schmunzeln.
Über unsere Überzeugungen. Über unsere verbalen Rüstungen. Und über den Versuch, mit Sprache eine Welt zu fixieren, die in ständigem Fluss ist.
Denn wer einmal verstanden hat, wie absurd ernst wir unsere Wirklichkeiten nehmen, kann gar nicht anders, als zu lachen.
Nicht über die anderen. Sondern über die Illusion, dass es „die Wirklichkeit“ je gegeben hätte.
Wirklich? Schau nochmal.
Wir von Noumenon glauben: Wirklichkeit ist kein Zustand – sondern ein Möglichkeitsraum. Wer ihn erkennt, kann gestalten. Wer ihn ignoriert, wird gestaltet.
Deshalb fragen wir nicht: „Was ist wahr? “Sondern: „Was stimmt für dich?“ Deshalb reden wir nicht in Lagerlogik, sondern in Resonanzräumen. Und deshalb sehen wir Kommunikation nicht als Transportmittel – sondern als schöpferischen Akt.
Denn wie Watzlawick so treffend sagte: „Die Wirklichkeit ist das, was man für wirklich hält – mit allen Konsequenzen.“
Also: Sprich achtsam. Denk verspielt. Und glaub nicht alles, was Du so Wirklichkeit nennst.
Herzlich willkommen im magischen Theater der Kommunikation!



