Die Sternwarte der Möglichkeiten
- Ingo Webecke

- 28. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Warum Unternehmen mehr als Maschinen sind – und warum Zukunft nur aus Bewusstsein entstehen kann.

Wir steigen eine Wendeltreppe hinauf. Unten tobt die Stadt der KPIs, flackern Dashboards wie Neonlichter, surrt die Megamaschine aus Output und Effizienz.
Oben: eine Sternwarte. Die Kuppel gleitet auf. Der Lärm fällt ab. Stille. Ein neuer Blick wird möglich. Neue Möglichkeiten können gesehen werden.
„We cannot solve our problems with the same thinking we used when we created them“, sagte Einstein. Also: raus aus dem Maschinenraum, hinein in die Nacht.
Lichtverschmutzung des Denkens
Unten im Tal ist es hell – zu hell. Wir verwechseln Dauerbeleuchtung mit Klarheit. Alles wird beleuchtet, berechnet, beplant.
Doch wer alles flutet, blendet am Ende sich selbst. Wir nennen das Strategie oder Governance.
In Wahrheit ist es Flutlicht, das Orientierung vortäuscht.
Sinnvolle Navigation beginnt mit dem Mut,
das Licht zu dämpfen.
Dunkeladaption – Muster erkennen
Die Sterne sieht nur, wer die Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Organisationen auch:
Erst wenn das Rauschen sinkt, tauchen die Signale auf.
Innere Bilder werden sichtbar,
Automatismen treten zurück.
Und manchmal hilft Humor mehr als jedes Protokoll: Wer drei Stunden über Agilität redet, ohne je agil gewesen zu sein, sollte dringend mal das Licht löschen.
Dunkeladaption heißt hier: Frames prüfen. Blinde Flecken finden.
Die Karte wieder von der Landschaft unterscheiden.
Fokussieren – den Fixstern finden
In der Sternwarte reicht Staunen nicht. Das Teleskop will justiert werden.
Woran richten wir unsere Optik aus? Welche Koordinate trägt auch dann, wenn unten die Schlagzeilen kreisen?
Dieter Lange sagt: Wer seinen Nordstern kennt, braucht keine Ziele.
Der Fixstern ist kein KPI. Er ist ein inneres Maß.
Essenz, nicht Maske.
Spürbar, bevor er messbar ist.
Otto Scharmer nennt es Presencing – lauschen, was durch uns in die Welt will.
Das Ergebnis ist kein Quartalsplan. Sondern eine klare Orientierung am Firmament.
Bahnen berechnen – aus Richtung wird Kurs
Hier oben entstehen keine Excel-Tabellen. Sondern Kursberechnungen.
Kleine, klare Manöver statt hektischem Aktionismus. Nicht alles auf einmal. Sondern das Nötige – zur rechten Zeit.
Rick Rubin erinnert: „We don’t make the waves.
We learn to surf them with presence.“
Sterne berechnen keine Routen. Aber sie machen Routen möglich.
Der Fixstern stabilisiert die Entscheidung – und reduziert Lärm zu Navigation.
Resonanz statt Zahnräder
Organisationen sind keine Maschinen. Sie sind Resonanzräume.
Felder, in denen Menschen in Verbindung treten –
zu sich selbst, zueinander, zum Ganzen. Bevor etwas messbar wird, ist es spürbar.
Resonanz zeigt sich in Sprache, Ritualen, kleinen Entscheidungen. Wenn der Fixstern stimmt, entsteht Sog. Wenn er fehlt, entsteht Druck.
Führung heißt nicht:
Menschen in die eigene Umlaufbahn zwingen.
Führung heißt:
Menschen an ihren eigenen Nordstern erinnern.
Denn Kultur ist die Umlaufbahn,
in der Strategie überhaupt erst wirken kann.
Der Rhythmus
Alles Lebendige folgt Zyklen: Ebbe und Flut. Ein- und Ausatmen. Sommer und Winter.
Unternehmen, die nur wachsen wollen, brennen aus. Die Kunst liegt im Takt.
Phasen des Aufbruchs und der Einkehr. Der Lautstärke und der Stille.
Innovation heißt dann nicht: immer schneller. Sondern: richtig getaktet.
Timing schlägt Tempo.
Die Sternenkarte
Drei Blickrichtungen ordnen die Arbeit wie eine Sternenkarte.
Die Innenwelt: unsere Wahrnehmung. Womit belügen uns unsere Routinen?
Was sehen wir – und was übersehen wir?
Die Zwischenwelt: unsere Kultur. In welchem Frame bewegen wir uns?
Welche Geschichten tragen – und welche sind nur Fassade?
Die Außenwelt: unser Kosmos. Welche größeren Muster öffnen sich,
wenn wir den Fixstern ernst nehmen?
So wird aus Druck Richtung.
Aus Reaktion Navigation.
Aus Komplexität Karte.
Praxis – kleine Manöver, große Wirkung
Entblenden:
Jede Woche eine Stunde ohne Decks, ohne Zahlen. Nur Beobachtungen.
Was fällt auf, wenn nichts verteidigt werden muss?
Fixstern-Check:
Ein Satz, der die Essenz trägt. „Wofür sind wir da, auch wenn keiner klatscht?“
Tipp: Wenn der Satz nicht ohne Buzzwords geht, ist er nicht der Fixstern.
Resonanzprobe:
Eine Botschaft, ein Ritual, eine Entscheidung.
Woran spüren Menschen unseren Fixstern konkret?
Wenn man es nicht spürt, war es nur PowerPoint.
Epilog – Abstieg bei Morgengrauen
Die Kuppel schließt sich. Wir steigen die Treppe hinab. Unten rauschen noch immer die KPIs.
Doch oben haben wir etwas gesehen: dass die Innenwelt, die Zwischenwelt und der Kosmos
nicht getrennte Sphären sind, sondern Spiegel derselben Bewegung.
Der Fixstern draußen erinnert an das Licht drinnen. Die Umlaufbahnen der Planeten gleichen den Rhythmen in uns. Der weite Himmel ist kein Chaos – er ist Resonanz.
Die Frage, die bleibt, ist einfach und groß: „Was will durch uns in die Welt?“
Wer sie ernsthaft stellt, trägt die Sternwarte bereits im Herzen –
und kehrt anders zurück ins Tal:
nicht als Zuschauer,
sondern als Gestalter im größeren Spiel.



