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Das Nachrichten-Karussell – Drehen, bis der Verstand schwindelt

Aktualisiert: 10. Sept. 2025

Warum wir das Fahrgeschäft nicht nur durchschauen, sondern auch mal aussteigen sollten.


Noumenon-Darstellung des Nachrichten-Karussells

Stellen wir uns eine Kirmes vor, die Tag und Nacht läuft, 365 Tage im Jahr: das Nachrichten-Karussell.


Es dreht sich unaufhörlich. Schlagzeilen als blinkende Lichter, Talkshows als Autoscooter, und irgendwo quietscht ein Moderator wie ein Marktschreier: „Hier entlang zur neuesten Krise! Nur heute – Angst zum halben Preis!“


Wir alle sitzen drauf. Manche vorn, mit VIP-Presseabo und Doppel-Looping. Manche hinten, auf Holzpferden mit WLAN. Und jeder glaubt, er habe die beste Aussicht.



Die Logik des Apparats


Das Karussell folgt einer strengen Physik: Aufmerksamkeit ist die Währung.


Niklas Luhmann schrieb: „Alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ Edward Bernays, Vater der PR, hätte dazu trocken genickt: eine Öffentlichkeit, die nach immer neuen Reizen lechzt – und dabei glaubt, frei zu wählen. Walter Lippmann nannte es „Manufacture of Consent“, die Fabrikation von Zustimmung.


Heute läuft das Fahrgeschäft digital: Algorithmen kurbeln, Influencer ölen, SEO schmiert das Getriebe. Das Karussell sortiert die Wirklichkeit in Häppchen: nahrhaft wie Fast Food, bunt wie Gummibärchen, klebrig wie Zuckerwatte.

Es braucht keine Wahrheit, nur Clicks. Keine Tiefe, nur Reichweite. Keine Differenz, nur Dauerbetrieb.


Und so sitzen wir da, hypnotisiert von der Drehbewegung: Wir glauben, wir seien informiert – dabei sind wir nur im Kreis gefahren.



Kleine Nebenwirkungen


Das Karussell produziert leider Nebenwirkungen: Angst als Grundrauschen. Empörung als Dauerschleife. Polarisierung als Geschäftsmodell.


Manche nennen das „Diskurs“. Michel Foucault hätte gelächelt und gesagt: Es sind Wahrheitsspiele – Bühnenstücke, die bestimmen, was gesagt wird und was nicht. 


Und absurderweise zieht der Apparat die Kreise immer enger. Gestern Diskussion – heute Tabu. Gestern Zweifel – heute Störung. Gestern Kritik – heute Delegitimation.


Die Folge? Viele ahnen: Wer im falschen Ton hupt, fliegt raus aus dem Fahrgeschäft. Also lieber Selbstzensur mit Sicherheitsgurt – stillhalten, statt auffallen.


Die Wahrheit ist: Das Karussell dreht sich, weil wir mitfahren. Weil wir lieber einfache Antworten kaufen als komplexe Zusammenhänge verstehen. Weil die fertige Meinung bequemer ist als die eigene Reflexion – und bequem sich nun mal besser verkaufen lässt.


Das Tragische: Wir halten das Karussell für die Welt. Dabei ist es nur eine grell beleuchtete Attrappe.



Der Witz am Karussell


Und hier beginnt der Humor.

Denn das System ist so durchschaubar, dass es schon fast lächerlich ist.


Ein Nachrichtenzyklus gleicht dem anderen wie zwei Staffeln derselben Serie: neue Cliffhanger, gleiche Dramaturgie.


Bedrohung aufbauen. Expertenpanel einschalten. Empörungsrunde starten. Halbzeitpause mit Katzenvideos. Repeat.


Das Ganze heißt dann „öffentlicher Diskurs“. Man könnte es aber auch „Reality-Sitcom“ nennen – mit etwas zu viel Drama und ohne Abspann.


Chomsky erklärte es trocken: Medien filtern. Nicht, weil Journalisten böse Menschen wären – sondern weil Systeme das tun, was Systeme tun. Der Begründer der Systemtheorie, Niklas Luhmann, hat das präzise beschrieben: Massenmedien bilden nicht die Welt ab, sie erzeugen Anschlusskommunikation. Sie liefern Themen, über die wir reden – nicht Wahrheiten, sondern Gesprächsanlässe.


Man könnte auch sagen: ein Losbuden-Betrieb der Aufmerksamkeit. Zieh am Band: Vielleicht gewinnst du Empörung, vielleicht Hoffnung, vielleicht die nächste Angst.

Hauptsache, du bleibst im Spiel.



Wege in die Freiheit


Nun könnte man verzweifeln. Oder sich übergeben – je nachdem, wie lange man schon mitfährt. Doch es gibt Ausgänge.


Der erste: Sprachbewusstsein. Wer merkt, dass „Reformen“ oft Kürzungen meinen oder „Resilienz“ schlicht „halte still“, hat schon einen Fuß draußen.


Der zweite: Perspektivwechsel. Berger & Luckmann erinnerten uns: Wirklichkeit ist sozial konstruiert. Wer andere Quellen sucht, wer andere Blickwinkel einnimmt, steigt vom Holzpferd ab.


Der dritte: Humor. Kein Fluchtweg, sondern Sand im Getriebe. Denn wer lacht, sieht die Absurdität. Und wer sie sieht, wird schwerer manipulierbar.


Denn der Apparat ist nicht allmächtig. Er lebt von unserer Teilnahme. Er verliert Kraft, wenn wir aufhören, alles für bare Münze zu nehmen. Wenn wir, wie Watzlawick riet, nicht nur fragen: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ – sondern auch: „Wem nützt diese Wirklichkeit?“


Freiheit beginnt dort, wo wir zwischen Nachricht und Narrativ unterscheiden. Wo wir uns erinnern, dass die Welt nicht aus Schlagzeilen besteht, sondern aus Menschen, Geschichten, Nuancen.



Das göttliche Lachen


Es ist dieses befreiende Lachen, von dem Hermann Hesse schrieb – das Lachen, welches Titelstory, Talkshow und Tagesschau gleichermaßen entlarvt.

Lachen heißt: das Karussell mal von außen sehen. Die Mechanik erkennen, ohne zynisch zu werden. Mensch bleiben inmitten der Apparat-Logik.


Und genau darin liegt die Freiheit. Denn das göttliche Lachen ist das Einzige, was das Karussell wirklich zum Stillstand bringen kann – nicht durch Protest, nicht durch Empörung, sondern durch den leisen, klaren, befreienden Akt der Erkenntnis beim Schmunzeln.

Über die immer gleichen Dramaturgien, über den Ernst, mit dem uns Unterhaltung als Menschheitsschicksal verkauft wird.



Coda


Das Nachrichten-Karussell wird sich weiter drehen. Es wird uns locken, drängen, verführen.

Aber wir haben die Wahl: Mitfahren, bis uns schwindlig wird. Oder absteigen – und selbst erzählen, was wir sehen.


Vielleicht nicht so laut wie die Lautsprecher, nicht so grell wie die Schlagzeilen. Aber echt. Und vielleicht beginnt dort die eigentliche Revolution: im bewussten Erzählen, im Selbst-Denken, im gemeinsamen Lachen über die Absurditäten.


Denn Wirklichkeit ist keine Sirene, sondern ein vielstimmiges Konzert. Die Kirmes läuft weiter. Doch wir können entscheiden, ob wir uns fesseln lassen – oder ob wir im richtigen Moment absteigen, uns hinstellen und sagen:


„Interessantes Fahrgeschäft. Aber ich geh jetzt tanzen.“

 
 
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